Agentur für Anerkennung

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HOTEL EUROPA Kritiken und Berichte

Nichts entgeht seinen biergelben Augen

Die Agentur für Anerkennung gastiert mit »Hotel Europa. Wie hoch kann man fallen?« im Theater unterm Dach 

Von Lucía Tirado 20.04.2018 Neues Deutschland

 Foto: Kamil Rohde
Wünsche an Europa: Das Publikum konnte vor Beginn des Theaterabends beim Einchecken seine politischen Sehnsüchte aufschreiben.

Es brennt schon, das Hotel. Angezündet in der ersten Szene. Tumult auf Straßen und Gassen. Es ist vorbei mit dem bekannten Haus, seinem Mythos, der mit den verkommenen Zuständen zerfällt. Von unten aus sieht die revoltierende Menge Ignatz, den alten Liftboy, in der Dachluke stehen. Doch dort bahnt sich schon eine Stichflamme ihren Weg. Es folgt, wie es soweit kam.

Nach Joseph Roths 1924 geschriebenen Roman »Hotel Savoy« erarbeitete sich die Berliner Künstlergruppe Agentur für Anerkennung ihre Inszenierung »Hotel Europa«. Eine Unternehmung dieses Titels gab es bereits 2015 in Wien. Dort erging man sich in Endzeitstimmung. Das aktuelle, von Reto Kamberger inszenierte und eine Stunde dauernde Stück im Theater unterm Dach, das auch im Rahmen des Performing Arts Festival gezeigt werden wird, geht einen anderen Weg.

Kamberger schuf eine Collage. Roths Geschichte, seine Worte reiben sich darin an heutigen Sichten. Die sind zwar nicht unbedingt immer optimistisch und durchaus voller Fragen und Zweifel. Aber gefeiert wird hier nicht die fatalistische Hingabe. Da ist noch Leben. Der Ruf nach Aufbegehren, das dem tatenlosen Gaffen entgegensteht. Anders ließe sich das mit Anna Dieterich, Darinka Ezeta und Ana Hauck wohl gar nicht inszenieren. Wie es für die Gruppe typisch ist, bauen die Schauspielerinnen eigene Erfahrungen, Gefühl für ihren Standort und ihres Weges in und durch Europa mit ein. Sie sind bei jeder Ernsthaftigkeit in allen Gruppenproduktionen dabei voller Mut und Lebenslust. Der Schalk sitzt ihnen im Nacken. Das äußert sich auch musikalisch.

Im Rückblick der Geschichte findet Roths Ich-Erzähler Gabriel bei seiner Rückkehr aus dreijähriger Kriegsgefangenschaft eine Bleibe in dem Hotel und bezieht eines der billigsten Zimmer. 703. Die Null in der Nummer ermuntert ihn zu dem Bild, das sei eine Dame zwischen zwei Herren. Links der ältere, rechts der jüngere. Noch weiß Gabriel nicht, dass er Ähnliches erleben muss. Er erkundet das Haus, spürt körperlich den zwischen den Bewohnern klaffenden Unterschied. Unten leben die Betuchten, ohne Stütze zu sein. Oben die Armen. Und die Frage drängt sich Gabriel auf: Wie hoch kann man fallen? Unterwürfigkeit kommt ins Spiel, als ein reicher Amerikaner als vermeintliche Rettung auftaucht und ihn als Sekretär einstellt. Weitere Bilder entstehen, Vergleiche bauen sich auf zur Situation im heutigen Europa.
Liftboy Ignatz fährt durch alle Etagen. Wie eine auf Beute harrende Spinne lauert er in seinem Fahrstuhl. Nichts entgeht seinen biergelben Augen. Mitunter finden sich an den Zimmertüren Zettel des Hoteldirektors Kaleguropulos mit Hinweisen und Aufforderungen. Twitter gab es ja noch nicht. Geradezu atemlos werden dessen angekündigte Besuche erwartet. Erst am Ende wird das Geheimnis um ihn gelüftet. Nichts war, wie es schien.
Ein eigens dafür erdachter Rhythmus gibt der Inszenierung besonderen Charakter. Die Geräusche – mit allerhand Alltagsgerätschaften fürs Alltagsgeräusch im und um das Hotel hervorgebracht – sind der Pulsschlag des Abends. Sie umgeben alles Scheitern und Hoffen, Mythen, Parabeln, Orakel und Gebete. Wünsche an Europa gibt es ebenfalls. Das Publikum konnte sie vor Beginn des Theaterabends beim Einchecken abgeben. Da kamen welche nach Offenheit, weniger Lügen, mehr Wertschätzung und mehr. Es lohnt, solches zu erhoffen. Doch wer soll sich darum kümmern? Wer es müsste, kokelt nicht.
Von nichts kommt nichts. Der Dramatiker Heiner Müller wird zitiert: »Der Aufstand beginnt als Spaziergang.« Also geht mal spazieren, heißt es. Und wo wurde eigentlich schon mal so gefragt wie in diesem Dialog: »Wann ist der Tag der europäischen Einheit?« – »Keine Ahnung.« Die Inszenierung kehrt am Ende zurück zu den Flammen. Der Kreis schließt sich.        Neues Deutschland 20.04.2018

 

In der taz am Wochenende vom 14.04.2018 schrieb Linda Gerner:

Wie hoch kann man fallen?

Spurensuche eines Untergangs: Agentur für Anerkennung mit dem an Joseph Roth angelehnten „Hotel Europa“ im Theater unterm Dach

Foto: Kamil Rohde

Es blitzt und donnert im „Hotel Europa“. Regen setzt ein, der Wind bläst heftig. Schauspielerin Ana Hauck schleudert ein Seil durch den Raum, um Wind nachzuahmen. Währenddessen haben ihre beiden Mitspielerinnen aus dem Berliner Theaterkollektiv Agentur für Anerkennung, Anna Dieterich und Darinka Ezeta, ebenfalls alle Hände voll zu tun: Mit Kieselsteinen, Mundtrompete, Klangschale und knisterndem Papier schaffen sie die weitere Hörkulisse. Wollte man die Requisiten zählen, die bei der Premiere des Drei-Frauen-Stücks an diesem Donnerstagabend zum Einsatz kommen, es dauerte wohl eine Weile. Auf drei Tischen liegen zahlreiche Gegenstände, darunter Luftballons, Schleifpapier, Kinderspielzeug.

Die Inszenierung von Reto Kamberger im Theater unterm Dach beginnt mit dem brennenden Hotel. In einer Stunde Spielzeit wird erzählt, wie es zum Untergang des Hotels kommen konnte, das sinnbildlich für die zerrüttete Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg steht.

In wechselnden Rollen sprechen die Schauspielerinnen im Chor oder ergänzen sich gegenseitig. Textlich bleibt das Stück nah am literarischen Vorbild „Hotel Savoy“, dem 1924 erschienenen Roman des Autoren und Journalisten Joseph Roth. Darin kommt Gabriel Dan als Kriegsheimkehrer im Sommer 1919 in das Hotel in Łódź, Polen: „Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens scheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier.“

„Wie hoch kann man fallen?“, fragt sich der von den Schauspielerinnen abwechselnd dargestellte Gabriel Dan und checkt im sechsten Stock ein. Erfolgreich ist, wer im Hotel Savoy den sozialen Abstieg statt Aufstieg schafft: In den oberen, billigen Stockwerken wohnen die Armen. Unten, dort, wo es auch Zimmermädchen gibt, die Reichen. Während oben die Uhren richtig gehen, zeigen sie in den unteren Etagen des Hotel Savoys zehn Minuten mehr an – „weil die Reichen Zeit haben.“

Die Komik von Joseph Roth funktioniert auch heute noch. Nach Lachern unterbrechen die Schauspielerinnen Roths Geschichte und erzählen von ihren eigenen Migrationsgeschichten. Was bedingt sozialen Aufstieg? Darinka Ezeta wurde in Mexiko-Stadt geboren, Ana Hauck kommt aus Georgien. Beide wollen ihre Familien finanziell unterstützen, selbst wenn sie manchmal damit hadern, ausgewandert zu sein. Was verbinden sie mit Europa? Lachende Gesichter, einen Song, ein Mobile über dem Kinderbett? Was haben verklärte Erinnerungen noch mit der heutigen Realität zu tun?

In Roths Roman trifft der nüchtern beschreibende Gabriel Dan auf eine Vielzahl von Personen. Kein einfaches Stück für Besucher*innen ohne vorherige Lektürekenntnisse. Umso besser kommen die Zwischenspiele mit persönlichen Anekdoten und kommentierenden Diskussionen der drei Schauspielerinnen beim Publikum an. Die Unterbrechungen des Erzählstrangs machen „Hotel Europa“ dynamisch und verleihen Aktualität.

„Mythos Vereinigung“ heißt es da etwa – diskutiert wird die Grundidee der Europäischen Union. „Aus alten Feinden werden alte Freunde“: Nationalstaaten verschmelzen zu einer Einheit. Aber kann das klappen? Und wie? Durch viel Liebe beim Eurovision Songcontest?

Die tragische Komik des Stückes lassen die Schauspielerinnen mit zahlreichen Klängen aufleben, der knatschende Lift und schrubbende Putzlappen transferieren das Publikum auch ohne aufwendiges Bühnenbild in die Szenerie des mysteriösen Hotels, in dem sich nicht alles, aber vieles um Geld dreht.

Die Inszenierung im Theater unterm Dach integriert dabei geschickt Slapstick-Szenen, Money-Songs und das Durchbrechen der vierten Wand, ohne in die Albernheit abzurutschen. Und zur Revolution aufgerufen wird auf der Bühne noch dazu.

http://www.taz.de/!5495737/

Hotel Europa Premiere am 12. April 2018

HOTEL EUROPA
Wie hoch kann man fallen

Premiere am Do,12.April 2018 um 20 Uhr
Weitere Vorstellungen am 13./19./20. April, am 26./27. Mai und am 08. Juni 2018 jeweils 20 Uhr
im Theater unterm Dach, Danzigerstraße 101, 10405 Berlin

Ein zerstörtes Hotel, Rauch steigt auf, Vorhänge wehen in Fetzen, ein kaputter Fahrstuhl blinkt. Was hat das HOTEL EUROPA zu Fall gebracht? In Anlehnung an den Roman “Hotel Savoy“ von Joseph Roth rekonstruieren drei Spielerinnen den Anfang vom Ende, und malen das Bild einer äußerst divers und prekär zusammengesetzten Gesellschaft in der Hotelkulisse. Die Schauspielerinnen skizzieren die Figuren aus Hotel Savoy und steuern ihre persönlichen Erfahrungen vom Weggehen und Ankommen bei. Dramatische Szenen folgen auf atmosphärische Erzählpassagen. Persönliche Berichte und lustvolle gespielte Situationen verschmelzen zu einer abwechslungsreichen Europa-Show.

Die AGENTUR FÜR ANERKENNUNG zeigt in ihrer Stückentwicklung HOTEL EUROPA, wie schwer es ist, in einem Europa ohne Perspektiven anzukommen. Roth beschreibt eine Gemeinschaft im Transit und seziert Gründe für ihr Scheitern. Verlustängste der Ansässigen prallen auf Rückwärtsgewandtheit der Heimkehrer. Roths Beschreibungen eines untergehenden Vielvölkerstaates nehmen wir zum Anstoss, heutige Konflikte, das Erstarken der Nationalismen und das Klima der Abgrenzung zu beschreiben. Wo liegen die Parallelen, wo die Unterschiede? Haben wir ein Zukunftsbild vor Augen, wenn wir von Europa reden, oder klammern wir uns an nostalgische Verklärungen aus der eigenen Kindheit? Lassen sich Utopie und Nostalgie verbinden? Welcher “neue“ Gründungsmythos könnte das HOTEL EUROPA beleben?

Lassen Sie sich anerkennen und erkennen Sie an!

Nutzen Sie die Gelegenheit, beliebte und unbeliebte Kolleginnen und Kollegen, nahe und entfernte Verwandte sowie vergessene und unvergessene Freundinnen und Freunde anzuerkennen!

Eine sehr gute Freundin von mir ist ein ganz besonderer Mensch, ein außergewöhnlich schöner Charakter, voller Talente, Ideen, Herz und Geist. Sie ist eine wunderbare Mutter, Lehrerin, Schauspielerin, Freundin… Ich wünsche mir und ihr, dass sie sich selbst mehr anerkennen kann! Art of Life

Die Agentur für Anerkennung erkennt an, dass Birgit M. heute ein Weihnachtsgeschenk gebastelt hat!

Anna aus Berlin erkennt an, dass Ute sich eigen- und uneigennützig politisch engagiert!

Lina aus Berlin erkennt an, dass Maik  sich nicht von ihr abgewendet hat!

Sedef aus Köln erkennt an, dass Johanna versucht, glücklich zu sein!

Sebastian aus Esslingen erkennt an, dass Miriam ihn anerkennt!

Utopie 2

Die AGENTUR FÜR ANERKENNUNG war im Januar 2016 zu Gast bei der Berlin Diagonale. Gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern haben wir mögliche Zukunftsbilder entworfen. Dabei haben wir uns von Utopien leiten lassen, aber auch von Kindheitserinnerungen. Und wir haben nach Fähigkeiten gefragt, die wir für diese Zukunft mitbringen sollten. Hier folgen die schönsten Utopien, die selbstverständlich noch weiter ausgeführt und kommentiert werden dürfen:

DER TRAUMFONDS – Wir errichten einen Fonds für Träume. Wer viel und aufregend träumt, kann wenig erfahrene Traumanfänger unterstützen. Die wichtigste Eigenschaft hierfür ist Grenzenlosigkeit und keine Angst vor Träumen.

ITALIEN ÜBERALL – Wir machen die gesamte Welt zum Italien unserer Kindheit. Dafür benötigen wir im Wesentlichen überall Italienisches Licht.

WALE STATT RENNER – Wir erhöhen die öffentliche Kulturförderung und verbinden die kreative Arbeit mit dem Kampf gegen den Walfang. Eigenschaften für diese Zukunft sind politisches Geschick und Seetüchtigkeit.

UTOPIAN IN PLAYMOBIL – In Zukunft gründen wir ganze Welten und gestalten sie immer wieder neu. Wir orientieren uns an der Erinnerung an frühere Playmobil-Welten und lassen keinerlei leichtfertige Einschränkungen zu. Die Fähigkeiten für diese Zukunft sind Abenteuerlust, Pioniergeist und Geduld beim Suchen der Kleinteile.

DAS ENDE DE WELT – Die Zukunft errichten wir am Kap der Guten Hoffnung. Die Sehnsucht, hinter die Grenzen der Welt zu blicken, verbinden wir mit unserer Liebe zu Pinguinen. Wir benötigen dafür erneut Pioniergeist und Freundschaft.

GEMEINSAM UND GELASSEN – Unsere Zukunft ist ein neues Gefühl für Gemeinschaft. Wir brauchen dafür nichts weiter als Gelassenheit!

ANERKENNUNG – In Zukunft erkennen wir die persönliche Zeit jedes Einzelnen an. Wir brauchen dafür die Fähigkeit, nicht in Kategorien zu denken.

Die AGENTUR FÜR ANERKENNUNG zu Gast bei der Berlin Diagonale

Die BERLIN DIAGONALE ist eine Präsentationsplattform der freien darstellenden Künste Berlins. Sie bietet FachbesucherInnen (IntendantInnen, KuratorInnen, DramaturgInnen etc.) moderierte Touren durch die freie Szene, angebunden an bedeutende Berliner Festivals. In Form eines offenen Messeformates geben die teilnehmenden KünstlerInnen und Gruppen mit Gesprächen, Videos und Aktionen Einblicke in ihre Arbeit und Ausblicke auf kommende Vorhaben.

Am 30. Januar 2016 war die Dramaturgische Gesellschaft im Rahmen ihrer Jahreskonferenz „Was tun. Politisches Handeln jetzt.“ zu Gast bei der Berlin Diagonale im Theaterdiscounter.

Die AGENTUR FÜR ANERKENNUNG war mit einem mobilen Anerkennungsschalter vor Ort im Theaterdiscounter. Wir haben den Besucherinnen und Besuchern unsere Anerkennung ausgesprochen und sind unsererseits von zahlreicher Seite anerkannt worden! Selbstverständlich haben wir auch Anerkennungsaufträge von Besuchern angenommen und diese an zahlreiche Adressaten weitergeleitet.
Die Anerkennung erfolgte dabei in Form eines ZUKUNFTSZERTIFIKATS. In Vorbereitung kommender Theaterproduktionen, in denen wir nach Zukunftsbildern für eine Gesellschaft der Anerkennung suchen, haben wir gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern nach neuen Utopien gefragt.  Dabei sind einige sehr schöne Zukunftsbilder entstanden.

 

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Alle Philosophen sind Vegetarier.

Ich habe neulich irgendwo den Satz gelesen: „Alle Philosophen sind Vegetarier.“ Und woanders habe ich einen anderen Satz gelesen: „Die allermeisten Philosophen sind gar keine Vegetarier.“ In den letzten Tagen habe ich dann immer mehr solche Sätze gelesen: „Ich kenne viele Philosophen, die nie Vegetarier werden würden.“ oder auch: „Ein Bekannter von mir ist Philosoph, und der ist so wenig Vegetarier wie ich.“

Einige dieser Sätze sind wohl richtig, andere nicht. Aber alle diese Sätze haben die merkwürdige Nebenwirkung, dass ich von nun an immer an Vegetarier denke, sobald ich nur das Wort Philosoph höre. Mir bleiben immer nur die Wörter Philosoph und Vegetarier im Gedächtnis. Kein Wunder, es sind ja auch sogenannte Hauptwörter. Was da sonst noch steht in diesen Sätzen („sind gar keine“, „wird nie werden“, „ist so wenig“), fällt weit weniger ins Gewicht bzw. ins Gehör.

Über Vegetarier wird in letzter Zeit tatsächlich einiges geschrieben. Dass ich hingegen über Philosophen so viel gelesen haben soll, wird Sie vermutlich erstaunen. Vielleicht haben Sie sogar Recht, und mein Gedächtnis hat mich schlicht getäuscht. Vielleicht lauteten die Sätze gar nicht wie eingangs zitiert. Vielleicht hieß der eine Satz auch: „Alle Muslime sind Vegetarier.“ Und der andere Satz vielleicht: „Die allermeisten Philosophen sind gar keine Terroristen.“
Ja, könnte sein, dass die Sätze so oder ähnlich lauteten, man kommt da schon mal durcheinander, wenn man jeden Tag fleißig eine Vielzahl von Medien konsumiert. Die assoziative Verbindung der Hauptwörter erfolgt natürlich auch in diesen Sätzen ganz automatisch.

Vielleicht sollten wir versuchen, bestimmte Wörter einfach nicht mehr ganz so oft zusammen in einem Satz zu verwenden. Sie werden mir sofort erwidern, man werde es doch wohl noch sagen dürfen, wenn ein Philosoph zum Vegetarier wird. Und noch viel mehr habe die Welt ein Recht zu erfahren, dass nicht alle Soziologen vegan leben! Aber selbstverständlich dürfen Sie das sagen. Das ist ja das Großartige an diesem Land, dass wir das alles sagen und schreiben und zeichnen dürfen!

Aber vielleicht ist es ja keine so schlechte Idee, unsere Lieblingshauptwörter einfach mal mit anderen, weniger oft benutzten Wörtern zu verbinden. Die Zeitungen werden uns vielleicht weniger euphorisch zitieren, wenn wir in die Welt hinausrufen, dass die meisten Philosophen da her kommen, wo sie leben! Oder noch erstaunlicher: dass viele Vegetarier gar nicht so richtig an das Jüngste Gericht glauben! Klingt etwas weniger spektakulär? Ja vielleicht. Aber wenn es stimmt, sollten wir es vielleicht trotzdem sagen.

R. Kamberger. Agentur für Anerkennung

 

 

 

Nach der Arbeit

Die Arbeit ist tot! Wir laden herzlich ein zur Trauerfeier.

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Foto © Kamil Rohde

Nach der Arbeit ist ein Theaterstück über das Verhältnis von Mensch und Arbeit. Was leisten wir für die Arbeit? Oder leistet die Arbeit etwas für uns? Brauchen wir sie noch? Oder sollten wir sie am besten einfach abschaffen?
Als Selbstverwirklichung, Anerkennungsquelle, Sinnstifterin und Broterwerb macht sich die Arbeit in unserem Leben breit und bestimmt, wer sir sind; oder ob wir jemand sind: „Wenn ich von meinem Leben erzähle und alles streiche, was mit Arbeit zu tun hat… bleibt dann überhaupt noch etwas übrig?“

Der Tod der Arbeit ist unser Ausgangsszenario. Wir erzählen persönliche Erfahrungen, befragen politische Utopien und werfen einen gesellschaftlichen Blick auf die Zukunft der Arbeit. Vielleicht gelingt es uns sogar, die Arbeit zu neuem Leben zu erwecken. Aber es müsste eine andere Art von Arbeit sein, eine ganz andere!

Konzept und Text  Agentur für Anerkennung
Ensemble  Anna Dieterich  •  Wera Herzberg  •  Nizam Namidar
Tancredi Volpert
Inszenierung  Reto Kamberger  •  Ausstattung und Dramaturgie  Ute Lindenbeck   Licht Kamil Rohde  •  Musikalische Leitung Henrike Loechte Grafik  Thomas Schöpf    Regieassistenz  Laura Preussing  •  Ausstattungsassistenz  Nadine Weyer Produktionsleitung  Sandra Klöss Ehrliche Arbeit  •  Presse und ÖA  Nora Gores

Theater unterm Dach   •  Danzigerstraße 101   •  10405 Berlin •  www.theateruntermdach-berlin.de
Karten unter 030-90295 3817

NachDerArbeit2Foto © Kamil Rohde

Pressestimmen
Ein Sarg steht auf der Bühne. Die Verstorbene ist: die Arbeit. Was nun? Kniend kondolieren vier Hinterbliebene. Sie heißen Anerkennung, Selbstverwirklichung, Solidarität und Sabotage. Die vier Darsteller verbildlichen darin Haltungen zur Arbeit im Kapitalismus. Die Grundsatzfrage, die alle betrifft, die ihr Geld mit Hand, Schweiß und Grips verdienen müssen, wird in Reto Kambergers Inszenierung gestellt. Nämlich: Wie gehen wir in der globalisierten Welt damit um, dass es um die Jobs zunehmend schlechter bestellt ist?

Von moralinsaurem Zeigefingertheater ist dieses Experiment weit entfernt. Im reduzierten Spiel geht es zuweilen zynisch-fröhlich zu, es wird referiert, theoretisiert und zitiert: Was ist Arbeit eigentlich, was hat sie mit Selbstwertgefühl, Kreativität, Anerkennung oder gar ganz einfach mit Lebensunterhalt zu tun? Der Türke referiert seine Arbeitsbiografie. Da ist die Frau, die sich qualifiziert hat, ihr werden Zettel aufs Gesicht geklebt, sie ist wohl eine Nummer geworden. Sie hat keine Chance im hektischen Bewerbungsmarathon. Die Darsteller zeigen ein genau inszeniertes szenisches Kaleidoskop, Versatzstücke bis hin zu einer „Agentur für Utopie“. Durchaus spannend, diese gute Theaterstunde.    Zitty, das Stadtmagazin

»Nach der Arbeit« ist ein höchst ambitioniertes Projekt; erkundet es doch Wege aus der Matrix des Erwerbsarbeitszwangs. Ein spannendes Grundszenario stellt es bereits voran: Die Erwerbsarbeit, wie wir sie kennen, ist tot und nun müssen neue Sichtweisen auf diesen so fundamentalen Bestandteil unseres Lebens gefunden werden. Die vier Darsteller spielen am »Theater unterm Dach« am aufgebahrten Sarg der Arbeit nicht etwa fixe Personen, sondern hinter der Erwerbsarbeit zu vermutende motivationale Prinzipien wie Anerkennung (Nizam Namidar), Selbstverwirklichung (Anna Dieterich), Solidarität (Wera Herzberg) – und die eher mit Arbeitsüberdruss verbundene Sabotage (Tancredi Volpert).

In auf Interviews mit dem Ensemble basierenden Szenen- Häppchen mit spielfreudigen Akteuren zeigt sich das große Potenzial dieser Darbietung: Da steht ein Kollektiv auf der Bühne, das ein abstraktes Sujet anhand lebensnaher Beispiele mit fruchtbarer Varianz an theatralen Mitteln (vom klassischen Monolog über wilde Debatten zum Bedingungslosen Grundeinkommen bis hin zu eindringlichem Gesang von Arbeiterliedern) durchexerziert und dabei stumm in die Zuschauerreihen hinüber ruft: »Macht euch eure eigenen Gedanken zu dem, was wir hier vorturnen!«  Neues Deutschland

Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten, den Fonds Darstellende Künste, das Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur sowie durch die Heinz-und-Heide-Dürr-Stiftung

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Die Neue Arbeit

In unserer aktuellen Produktion Nach der Arbeit tragen wir die Arbeit zu Grabe. Da wir aber so ganz ohne Arbeit auch wieder nicht können oder wollen, fragen wir uns gemeinsam mit dem Publikum, wie denn die Neue Arbeit aussehen müsste.
Hier eine erste Annäherung von unseren Zuschauerinnen und Zuschauern:

Was würden Sie machen, wenn Sie ein Jahr frei hätten?

· Die Welt kennen lernen, beginnend mit New York, Sydney und New Orleans.

· probewohnen auf dem Land.

· Liegengebliebenes aufholen.

· reisen per Schiff und per Anhalter.

· arbeiten!

· Nichts!

· Yoga.

· eine Reise um die Welt.

· Ich würde arbeiten, um heraus zu finden, wie ich mit Arbeit etwas Gutes tun kann.

· Tanzen und Singen.

· Das, was ich jetzt tue.

· draußen sein.

· ein Buch schreiben.

· in die Berge gehen.

· in Alt-Stralau die Jahreszeiten beobachten.

· ein Wochenendhaus bauen

· erstmal zwei Stunden Bass spielen, dann gucken, wie es sich entwickelt.

· schreiben, nachdenken, schreiben, nachdenken, lesen, nachdenken, schreiben, etc.

· schreiben, lesen, spazieren gehen.

· wenn ich Geld hätte: Gemüse anbauen — wenn ich kein Geld hätte: versuchen Gemüse anzubauen.

· umziehen!

· Kinder kriegen!

· für mich sind die Semesterferien schon zu krass!

· Klavier spielen lernen.

· schlafen.

 

Was erwarten Sie von der Arbeit?

· Sinnhaftigkeit, Lebensverbesserung, Freude, Selbstverwirklichung, Nachhaltigkeit.

· dass sie die Dinge besser macht.

· Freude und Geld

· sie muss fordernd und herausfordernd sein.

· Genugtuung, Anerkennung, Geld für die Familie

· dass sie die Lebensqualität nicht verringert und nicht  zu viel Zeit nimmt.

· dass sie etwas bedeutet über den wirtschaftlichen Wert hinaus.

· faire Arbeitsbedingungen, Wertschätzung

· die Befriedigung, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, das aber auch mich befriedigt.

· keine Ausbeutung

· Erfüllung

· Geld

· Horizonterweiterung

· ein Gehalt von dem man gut leben kann.

· dass sie den Menschen Mensch sein lässt.

· körperliche und geistige Beanspruchung

· Zufriedenheit und Anerkennung

· Erfahrungen

· dass sie mich herausfordert, ohne mich zu überfordern.

· einen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander.

· die 30-Stunden-Woche.

· von fremdbestimmter Arbeit: Geld — von der Arbeit an mir: Zufriedenheit.

· Geld, Recht, Glückseligkeit

· Respekt

· Spannung

· den Feierabend.

· Ich erwarte nichts mehr!

Utopie

Was Utopie ist, als was Utopie vorgestellt werden kann, ja, das ist die Veränderung des Ganzen. Und von einer solchen Veränderung des Ganzen sind all diese sogenannten utopischen Errungenschaften, die übrigens alle wirklich sehr bescheiden, sehr eng sind, grundsätzlich verschieden. Mir will es so vorkommen als ob das, was subjektiv, dem Bewusstsein nach, den Menschen abhanden gekommen ist, die Fähigkeit ist, ganz einfach, das Ganze sich vorzustellen, als etwas, was völlig anders sein könnte. Dass die Menschen vereidigt sind auf die Welt, wie sie ist. Meine These dazu, würde lauten:
Dass im Innersten alle Menschen, ob sie es sich zugestehen oder nicht, wissen, es wäre möglich, es könnte anders sein, sie könnten nicht nur ohne Hunger und wahrscheinlich ohne Angst leben sondern auch als Freie leben. Gleichzeitig hat ihnen gegenüber – und zwar auf der ganzen Erde – die gesellschaftliche Apparatur sich so verhärtet, dass das, was als greifbare Möglichkeit, als die offenbare Möglichkeit der Erfüllung ihnen vor Augen steht, ihnen sich als radikal unmöglich präsentiert. Und wenn nun heute die Menschen universal das sagen, was in harmloseren Zeiten wohl nur ausgepichten Spießbürgern vorbehalten war (Ach, das sind ja Utopien, ach das ist ja nur im Schlaraffenland möglich, im Grunde soll das auch überhaupt gar nicht sein), dann würde ich sagen, das kommt davon, dass die Menschen den Widerspruch zwischen der offenbaren Möglichkeit der Erfüllung und der ebenso offenbaren Unmöglichkeit der Erfüllung, nur auf die Weise zu meistern vermögen, dass sie sich mit dieser Unmöglichkeit identifizieren und diese Unmöglichkeit zu ihrer eigenen Sache machen und dass sie also – um mit Freud zu reden – sich mit dem „Angreifer“ identifizieren und dass sie sagen, dass das nicht sein soll, von dem sie fühlen, dass es gerade ja sein sollte, aber dass es durch eine „Verhexung der Welt“ ihnen vorenthalten wird.

Theodor W. Adorno – Über Utopie (aus einem Radiointerview mit Ernst Bloch 1964)

Anerkennnung 2

Hegel behauptet mithin für die Art der intersubjektiven Begegnung, die er hier als notwendige Bedingung des Selbstbewusstseins inszeniert, eine strikte Form von Reziprozität: Beide Subjekte müssen wechselseitig in dem Augenblick, in dem sie sich begegnen, gegenüber sich selbst eine Negation vollziehen, die in der Abstandnahme vom jeweils Eigenen besteht. Ergänzen wir diesen Gedanken noch um Kants Bestimmung der „Achtung“, in der er einen „Abbruch“, eine Negation der „Selbstliebe“ sehen wollte, so tritt wohl zum ersten Mal zutage, was Hegel mit seiner Einführung des intersubjektiven Verhältnisses behaupten wollte:
In der Begegnung zwischen zwei Subjekten eröffnet sich insofern eine neue Handlungssphäre, als beide wechselseitig genötigt werden, einen Akt der Beschränkung ihrer selbstsüchtigen Begierde zu vollziehen, sobald sie des Anderen ansichtig geworden sind. Im Unterschied zur Handlungsform der Bedürfnisbefriedigung, in der die lebendige Wirklichkeit letztlich unverändert blieb, vollzieht sich in der Interaktion spontan eine Zustandsveränderung an beiden Beteiligten des Handlungsgeschehens: Ego und Alter Ego reagieren aufeinander, indem sie ihre eigene egozentrische Begierde jeweils so beschränken oder negieren, dass sie sich ohne die Absicht bloßer Konsumtion begegnen können. (…)

Es ist der selbsteinschränkende Akt von Alter Ego, an dem Ego gleichsam vor sich die Art von Aktivität beobachten kann, durch die es selbst in diesem Augenblick in jenem Anderen die praktische Veränderung bewirkt. Beide Subjekte nehmen reziprok am jeweiligen Gegenüber die negative Tätigkeit wahr, mit der sie eine Wirklichkeit erzeugen, die sie als ihr eigenes Produkt begreifen können. (…)

Nur in der moralischen Selbstbeschränkung des Anderen können wir die Aktivität erkennen, in der unser Selbst in der Weise tätig ist, dass es instantan an der Welt eine nachhaltige Veränderung bewirkt, ja eine neue Wirklichkeit erzeugt.

Axel Honneth · Das Ich im Wir